KONZEPT
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HEROES - gegen Unterdrückung im Namen der Ehre ARBEITSKONZEPT
1 PROJEKTGRUNDLAGEN
a) gesellschaftlicher Kontext
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Heranwachsende mit Migrationshintergrund unterschiedlichen Erwartungen genügen müssen. Sie befinden sich zwischen den Traditionen, dem kulturellen und sozialen Hintergrund ihrer Eltern und den Werten und Anforderungen der deutschen Gesellschaft, in der sie leben. Dies konfrontiert sie mit Widersprüchen, die es ihnen schwer machen, sich z.B. mit Ausgrenzung oder Arbeitslosigkeit erfolgreich und ohne Aggressionen auseinander zu setzen. Patriarchale Strukturen und Vorstellungen von Ehre, die v.a. durch Erziehung weitergegeben werden, haben in diesem Zusammenhang eine hohe Bedeutung. Sie hindern Jugendliche beiderlei Geschlechts an der freien Entwicklung ihrer Persönlichkeit und schränken die möglichen Lebensentwürfe ein: Mädchen und Frauen werden in schwache Positionen, in die Opferrolle, gedrängt (Zwangsheirat, Kontrolle, Unterordnung), aber auch Jungen geraten unter empfindlichen Druck (Durchsetzung der Ehrenvorschriften, arrangierte Ehen). Der Berliner Bezirk Neukölln ist ein Brennpunktviertel mit einem hohen Migrantenanteil. Hier finanziert WORLD CHILDHOOD FOUNDATION seit 2007 dieses Projekt von Strohhalm e.V., das in Schweden Vorbilder hat und dort auch Gelder von der Stiftung erhielt. Jetzt soll auch in Deutschland die Forderung nach der Gleichstellung der Geschlechter nicht mehr gegen ein interkulturelles Zusammenleben ausgespielt werden.
b) Projektansatz
Der Ausgangspunkt unserer Arbeit mit jungen Migranten ist die Bewusstmachung, dass auch in ihrer/unserer Community etwas schief läuft (Gewalt, Bildung...). Es geht also zunächst um ein Umdenken und Infragestellen. Im Fokus steht dabei die Problematisierung der Männerrolle im Kontext der Ehrenunterdrückung von Mädchen und Frauen. Das Ziel ist es, Jungen und jungen Männern die Möglichkeit zu geben, sich von diesen Machtstrukturen zu distanzieren. Im Laufe des Trainings erlangen sie die Stärke und Fähigkeit, die Grenzen, die die Ehrenkultur auch für sie setzt, zu überwinden. Es geht darum, die jungen Männer mit kreativen und pädagogischen Methoden zu motivieren Stellung zu beziehen: gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre und für das Recht der Mädchen/Frauen auf Menschenrechte und Gleichberechtigung. Das Projekt verschiebt zudem den Fokus von der Wahrnehmung der Defizite und Gewaltbereitschaft gerade jugendlicher männlicher Migranten hin zu denen, die bereit sind sich Respekt durch den Kampf gegen Unterdrückung im Namen der Ehre zu erarbeiten.
Wir sind davon überzeugt, dass eine erfolgreiche Arbeit für die Gleichberechtigung auch die Männer einbeziehen muss. Ohne einen Entwicklungsprozess, der die Männer einschließt und ihnen die Möglichkeit gibt, traditionelle Geschlechterrollen in Frage zu stellen, gibt es keine Chance auf eine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung. Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten haben. Aus dieser Perspektive ist es wichtig dass unser Team heterogen ist und sich aus Frauen und Männern zusammensetzt und aus verschiedenen ethnischen Gruppen kommt.
2 PROJEKTBESCHREIBUNG / METHODE
a) Zielgruppe
Wir arbeiten mit jungen Männern bis 21Jahren mit Migrationshintergrund, die über Themen wie Gleichberechtigung, Ehre und Menschenrechte diskutieren und in ihrem Alltag und in der Gesellschaft etwas verändern wollen. Diese jungen Männer werden in ihrer Freizeit von den beiden Gruppenleitern qualifiziert, damit sie als Rollenvorbilder andere Jugendliche zur Auseinandersetzung mit diesen emanzipatorischen Themen motivieren und gewinnen können. Dieser Prozess dauert ca. ein halbes Jahr. Danach gehen sie nach Außen: In Schulen, Jugendfreizeitheime oder Jugendtreffs bieten sie Workshops an. So findet die Arbeit in zwei Schritten statt: zuerst innerhalb der Gruppe und dann durch die Workshops mit anderen Jugendlichen.
b) Das Team
Yilmaz Atmaca und Ahmad Mansour sind die Gruppenleiter. Yilmaz ist Schauspieler und Theaterpädagoge, kommt aus der Türkei und lebt seit 15 Jahren in Berlin. Anna Rinder und Jenny Breidenstein leiten das Projekt. Anna Rinder ist Sozialarbeiterin und hat in Schweden bereits in einem ähnlichen Projekt gearbeitet und dabei wichtige Erfahrungen gesammelt. Jenny Breidenstein ist Genderwissenschaftlerin M.A, und hat einen besonderen Fokus auf das Geschlechterverhältnis. Dagmar Riedel-Breidenstein, Soziologin und Leiterin von Strohhalm e.V. koordiniert die Arbeit und nutzt dabei die langjährigen Kontakte des Vereins.
c) Methodik
„Heroes" arbeitet mit Gruppenleitern mit Migrationshintergrund und damit ähnlichem Erfahrungshorizont. Sie stellen eine Art „große Brüder" dar, die es geschafft haben, sich von tradierten Rollenvorstellungen zu lösen. Damit sind sie Vorbilder und Leiter zugleich. Wichtig ist während des gesamten Trainingsprozesses die „Augenhöhe" und eine lockere Atmosphäre des Austausches. Die Vorraussetzung hierfür ist eine intensive Phase der Vertrauensbildung. Beim gemeinsamen Essen bringen die Gruppenleiter ihre persönlichen Erfahrungen und ermöglichen es so den jungen Männern, sich ebenfalls zu öffnen. Wichtig ist das gegenseitige Zuhören und die Akzeptanz. Auch persönliche Probleme kommen zur Sprache. Wo es hilfreich ist, kann dabei die Sprache gewechselt werden (grundsätzlich wird deutsch gesprochen). Auch gemeinsame Aktivitäten wie der Besuch von Veranstaltungen, Ausflüge, gemeinsames Grillen und Fußballspielen sind wichtiger Bestandteil zum Schaffen einer Beziehungsebene. Eine Einladung an die Familien schafft darüber hinaus Bestärkung und ein gutes Klima. Das Training besteht aus Gruppengesprächen über Grundlagenthemen. Gemeinsam mit den Gruppenleitern hören die Jungen Vorträge von geladenen ReferentInnen und besuchen thematische Veranstaltungen und Ausstellungen. Durch theaterpädagogische Übungen setzen sie sich intensiv mit der Thematik auseinander und erlernen zugleich Präsentationsmethoden, Argumentation und szenisches Rollenspiel als Vorbereitung auf ihren Workshop. Diesem Workshop, den die jugendlichen Heroes im Anschluss an ihr Training anbieten, liegt die Idee der Peer education zugrunde: Jugendliche werden am besten durch andere Jugendliche erreicht. Besonders bei schwierigen und emotionalen Themen lernen sie am besten von etwa gleichaltrigen Vorbildern. Der Workshop nutzt darüber hinaus unterschiedliche Vermittlungsmethoden: Fakten zu Ehrunterdrückung werden im Gespräch vermittelt. In der Diskussion werden die Jugendlichen aktiv mit einbezogen. Sie werden ermutigt Fragen stellen und zum Teil selbst zu beantworten. Hier werden Konventionen und Traditionen hinterfragt und neue Perspektiven gemeinsam entwickelt. Vor allem jedoch nutzt der Workshop das Rollenspiel, das nach allen Lerntheorien das emotionale und effektive Lernen begünstigt. Konfliktsituationen werden nicht nur anschaulich dargestellt, sondern durch Interaktion mit dem Publikum weiterentwickelt. Hierbei spielen die TeilnehmerInnen die vorgeschlagenen Lösungsansätze zum Teil selbst durch. Durch diese Methode wird die Thematik und der Handlungsspielraum optimal verinnerlicht. Zur kontinuierlichen Verbesserung und Differenzierung des Workshops werden im Anschluss an die Veranstaltung Feed-Back-Fragebögen ausgeteilt, in denen die TeilnehmerInnen den Ablauf bewerten.
Durch Dokumentation und Evaluation der Methode wird ein Modell entwickelt, das ständig qualifiziert und in der Folge weiter verbreitet werden kann.
Projektbeirat Zudem sind wir in Kontakt mit Mädchen mit Migrationshintergrund aus einem Nachbarverein. Diese Mädchen sollen uns Themen, Fragen und Perspektiven, die für sie wichtig sind, mitteilen. Diese können wir dann in unsere Arbeit mit den Jungen einbeziehen. Da wir das Ziel haben, das Leben für die Mädchen zu verbessern, müssen wir natürlich auch die Mädchen selbst um Rat fragen.
Anerkennungsveranstaltung Die Würdigung durch die Aufnahmegesellschaft ist den Jungen trotz aller Ausgrenzungserfahrungen zentral. Und gerade für ein Thema, für das sie in ihrer Community nur schwer Anerkennung erfahren werden, brauchen sie die Unterstützung der Politik. Dadurch werden auch die zwei Seiten der Verantwortung für Integration deutlich: Die Heroes arbeiten für Themen und Werte, die für ein Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft unverzichtbar sind. Dafür haben sie Interesse und Unterstützung verdient. Es geht letztlich darum, sie zum Weitermachen zu motivieren und deutlich zu machen, dass sie auf ihren neuen Wegen nicht alleine sind.
| Letztes Update: 03.09.2010 |